Blogbeitrag STM

Publikation Wissensplatz HTW Chur (Januar 2017):

Umnutzung des grössten Natureisfeld Europas

Den Gästen ein Erlebnis zu bieten, steht heute im Zentrum touristischer Anstrengungen. Dabei nehmen neue Angebote einen wichtigen Stellenwert ein, aufgrund der steigenden Gästeerwartungen stets Neues zu erleben. Die touristische Angebots- und Produktentwicklung ist stark mit den Bedürfnissen der Gäste verknüpft. Unter diesen Voraussetzungen wurde der Davoser «Eistraum» entwickelt, welcher seinen Ursprung in einer Studie des Instituts für Tourismus und Freizeit ITF hat.

Zur Verwirklichung einer erfolgreichen Produktentwicklung ist eine auf die Gäste ausgerichtete Strategie notwendig: «Eine abnehmergerichtete Strategie ist ein langfristiger Verhaltensplan, der die Steigerung des Kundennutzens durch die Realisierung eines oder mehrerer Wettbewerbsvorteile im relevanten Markt zum Inhalt hat» (Meffert/Bruhn, 2015, S. 184). Zusätzlich muss aber die regionale Wertebasis identifiziert werden. Pechlaner et al. (2005) schlägt die strategische Produktentwicklung als Innovationsstrategie zur regionalen Entwicklung vor. Als Quelle der Innovationen werden die Kernkompetenzen und identitätsstiftenden Werte aller regionalen Akteurinnen und Akteure im Bereich Tourismus betrachtet. Unter diesen Voraussetzungen wurde einerseits mittels Gästebefragungen und andererseits durch Gespräche mit den lokalen Akteurinnen und Akteuren die Idee des Davoser «Eistraums» entwickelt.

Quo vadis Natureisfeld?

Ende 2014 beauftragte die Destination Davos Klosters das Institut für Tourismus und Freizeit ITF Nutzungsvarianten für das Natureisfeld Davos zu erarbeiten. Fredi Pargätzi, Leiter Sport & Kultur & Sportanlagen, war während des eineinhalb jährigen Dienstleitungsprojekt die Ansprechperson für die Projektgruppe des ITF. Die grösste Natureisbahn Europas mit seinen 1‘800m² verzeichnete seit Jahren einen Besucherrückgang. Dies stellte die Verantwortlichen einerseits vor das Problem, dass das Eisfeld nicht kostendeckend geführt werden konnte und andererseits, dass die Akzeptanz für die aufwändige Aufbereitung von verschiedener Seite fehlte. Vor diesem Hintergrund galt es potentielle Nutzungsmöglichkeiten zu identifizieren und näher zu beschreiben. Mit der Auftraggeberin zusammen wurden zu Beginn drei strategische Stossrichtungen überlegt:

1.    Weiternutzung als Natureisfeld

2.    Umnutzung zur Kunsteisbahn

3.    Offener Ausgang

Innerhalb dieser Stossrichtungen wurden verschiedene Vorgehensweisen angewendet, um mögliche Nutzungsvarianten zu identifizieren.

Befragung der Nutzergruppen

Ende Winter 2015 wurden bei Davoser Gästen, Einheimischen und Leistungsanbietenden Befragungen durchgeführt. Bei der spezifischen Betrachtung der Eissportarten war eine gewisse Diskrepanz zwischen den Gästen, welche die Angebote als «eher unwichtig», und den Einheimischen, welche diese als «eher wichtig» einstufen, erkennbar. Gleiches galt für die Leistungsanbietenden. Auch sie massen den Eissportarten eine hohe Wichtigkeit bei und waren gleichzeitig relativ zufrieden mit diesen. Bei den Gästen war die Zufriedenheit praktisch bei allen abgefragten Sportarten höher gewichtet als die Wichtigkeit. Ebenfalls mit dem Angebot der Eissportarten waren die Gäste eher zufrieden.

Das Natureisfeld in Davos wurde von nur knapp 15 Prozent der befragten Gäste genutzt, wovon 6 Prozent angaben, bei jedem Wetter auf das Eis zu gehen. Demgegenüber war die Nutzung der Einheimischen mehr als dreimal so hoch.

In einem weiteren Schritt wurde mit den Teilnehmenden der Befragung eine kreative Angebotsabfrage durchgeführt, um Ideen für die Nutzung des Natureisfeld-Areals zu generieren. Bei der Gästebefragung standen die Produktkategorien «Fun & Action» und «Eis-Event-Park» zuoberst auf der Liste. Von den Leistungsanbietenden sprachen sich 63 Prozent für ein «Leistungszentrum für verschiedene (Eis-)Sportarten» aus.

Flankierend zu den Umfrageresultaten wurden Experteninterviews, eine ausführliche Literaturrecherche sowie Workshops mit einer aus Davoser Leistungsanbietenden bestehenden Projektgruppe durchgeführt. Daraus wurde einerseits das Nutzungspotenzial des Eisschnelllaufsports abgeleitet und andererseits neue Nutzungsmöglichkeiten diskutiert. Das Nutzungspotenzial des Natureisfelds war so einzustufen, dass es eine Umrüstung zur Kunsteisbahn und anschliessend internationale Wettkämpfe braucht, um niederländische Breitensportler und Gäste nach Davos zu bringen. Laut einer Aussage der Royal Dutch Skating Federation (KNSB) frönen zwei Millionen Holländerinnen und Holländer (12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung) den Eisschnelllaufsport auf Eislaufbahnen. Die Logiernächtezahlen der holländischen Gäste im Kanton Graubünden haben aber seit dem Jahr 2008 von über 180‘000 Hotellogiernächten auf unter 100‘000 im Jahre 2015 abgenommen. Für Trainingslager von nationalen Eisschnelllaufverbänden bräuchte es eine Halle, um nicht der Witterung ausgesetzt zu sein. Die meisten Europäischen Eisschnelllaufverbände führen ihre Vorbereitung auf die Saison zurzeit in der Eisschnelllaufhalle in Inzell (D) durch. Da dem Eisschnelllaufsport in der Schweiz kein grosses Wachstum attestiert wird und das Kosten-Nutzenverhältnis nicht überein stimmt, wurden weitere Angebote gesucht. Grösseres Potenzial hatte dabei eine Bespielung des Natureisfelds, wobei die Davoser Eis-Tradition in die Inszenierung eingebaut werden sollte.

Davoser Eistradition inszenieren

Um eine Bespielung und permanente Inszenierung über einen längeren Zeitraum zu gewährleisten, muss sichergestellt werden, dass witterungsunabhängig eine hierfür nutzbare Eisfläche produziert werden kann. Dafür ist eine Umrüstung eines Teils des Natureisfelds auf Kunsteis und eine Aufwertung der Gastronomie eine Voraussetzung. Verschiedene Optionen (ein kleines Kunsteisfeld vor dem Sportzentrum, eine Umrüstung der Eisschnelllaufbahn auf Kunsteis und eine Inszenierung mit diversen Kunsteisfeldern) wurden präsentiert und schliesslich ein Winterwunderland auf Kunsteis empfohlen. Als mögliche Elemente in diesem Eis-Park wurden eine Kinderzone, eine Romantikzone, eine Eis-Rutsche, ein Freestyle Curling, ein Ice-Cross Pump Track, eine Eis-Disco, ein Eiskletterturm, eine Bühne und eine Tribüne vorgeschlagen.

Die erwarteten Effekte dieses Angebots sind ein Neuheitscharakter bzw. ein innovatives Tourismusprojekt, ein grosses mediales Interesse, ein ökonomisch nutzenbringendes Projekt (Angebot kann kostentragend geführt werden und Abstrahlungseffekte auf Logiernächte oder Tagesgäste werden erwartet), eine «Aufbruchsstimmung Eissport» sowie diverse Ausbau- und Wachstumsmöglichkeiten. Der letzte Effekt ist ein grosser Pluspunkt, da Winter für Winter gewisse Elemente ersetzt werden können und somit das Angebot stets einen neuen Charakter aufweist.

Davoser «Eistraum» umgesetzt

Schlussendlich wurden im Prozess auf die Bedürfnisse der Gäste, aber auch auf die identitätsstiftende Werte der lokalen Akteurinnen und Akteure, bei welchen der Eissport einen hohen Stellenwert einnimmt, eingegangen. Nach dem Entscheid des Verwaltungsrats der Destination Davos Klosters die Nutzungsvariante des Winterwunderlands auf Kunsteis konkret auszuarbeiten, wurde in Rekordzeit die Umsetzung vorangetrieben. Bereits vergangenen Dezember 2016 konnte das Angebot mit dem Namen Davoser «Eistraum» seine Türen öffnen. Inmitten von Davos soll der Davoser «Eistraum» zum Publikumsmagnet der Wintersportdestination werden, wie es das Best Practice Beispiel «Top of Europe Ice Magic» in Interlaken ist. Die Kunsteis-Erlebnislandschaft in Davos mit Attraktionen wie einer Ice Cross Bahn, einem Pond Hockey und einer Eis-Disco soll 30‘000 Gäste anziehen. Die Verantwortlichen der Destination aber auch die Projektgruppe des ITF sind gespannt, wie das neue Angebot sowohl bei den Gästen, als auch bei den Einheimischen und lokalen Tourismus-Akteurinnen und -Akteure ankommt.

Text: Christian Gressbach Bild: / Davos Destinations-Organisation, HTW Chur

Literatur:

Meffert, H., Bruhn, M. & Hadwich, K. (2015): Dienstleistungsmarketing (8. Auflage). Wiesbaden: Springer Gabler Fachmedien

Pechlaner, H., Fischer, E. & Hammann, E. (2005): Leadership and Innovation Process-Development of Products and Services Based on Core Competences, in: Journal of Quality Assurance in Hospitality and Tourism, Vol. 6 (3/4), S. 31-59